REZEPT
Beifuß,
Wegerich die nach Osten offen ist,
Lammkresse, (Schaumkraut)
Attorlapen, (Heilziest)
Kamille,
Nessel,
Wildapfel,
Kerbel und
Fenchel
Alte Seife.
Stoße diese Kräuter zu Staub,
menge (sie) mit der Seife und mit dem Saft des Apfels.
Mache einen Brei aus Wasser und aus Asche,
nimm Fenchel, koche (ihn) in dem Brei und erwärme (es) mit Ei-Gemisch,
wenn er die Salbe auftut, sowohl vorher als nachher.
(Er) singe diesen Zauberspruch über jedem dieser Kräuter,
3 (mal) bevor er sie bearbeitet und über den Apfel ebenso;
und (er) singe dann dem Mann in den Mund und in beide Ohren
und auf die Wunde den gleichen Zauberspruch,
bevor er die Salbe auftut.

Allerlei geheimnisvolle Kräuterei

Gesundheit aus der KräuterApotheke ist (K)EINE HEXEREI. Die wohl bekannteste und annerkannteste
Verfechterin und Erforscherin der Pflanzenheilkunde war HILDEGARD VON BINGEN. Meist waren
es Frauen, die Erfahrungen über die Heilkraft der Pflanzen sammelten und weitergaben. Jahrhunderte altes
Wissen war oft in Merk- oder (ZAUBER)SPRÜCHE “verpackt” und wurde so mündlich überliefert. Die
von der Kirche in alten Zeiten beargwöhnten und gefürchteten Zaubersprüche waren meist nichts weiter als
REZEPTUREN UND MÜNDLICHE “BEIPACKZETTEL”.
Beim Zusammenrühren der Mixturen und bei der Anwendung der Heilmittel wurden die zugehörigen Sprü-
che oft gemurmelt. Für die Heiler(in) war der Spruch gleichzeitig Erinnerung an den Ablauf der Fertigung und
die richtige Anwendung des Mittels. EINEM MANTRA GLEICH unterstützte der Spruch die Besserung,
indem er den GLAUBEN AN LINDERUNG und damit die SELBSTHEILUNGSKRAFT des Kranken
stärkte. Eine gute Kräutermedizin half doppelt: Durch die Wirksamkeit der Inhaltstoffe und den gestärkten
Glauben an Besserung.
Das Sprechen oder Singen eines Mantras ist eine uralte Technik zur Unterstützung der Medi-
tation. Ein Mantra verhindert das Abschweifen der Gedanken und der Sinne. Es verhilft zur
Konzentration und erleichtert die innere Einkehr. Ein Spruch erleichtert auch die notwendige
Konzentration beim Herstellen und beim Anwenden der Heilmittel.
DIE KRÄUTERHEXEREI IST ALSO EINE HOCHMODERNE BEHANDLUNGSMETHODE!
Haben Sie Lust bekommen, einen aus alter Zeit überlieferten KRÄUTERSEGEN näher kennzulernen?
Dann stöbern Sie sich durch die folgenden Absätze, in denen ich Ihnen den aus dem 11. Jahrhundert
beinahe vollständig überlieferten NEUNKRÄUTERSEGEN, die Rezeptur, den zugehörigen Spruch
und einige Erläuterungen mit zeitgeschichtlichem Hintergrund vorstellen möchte.
Ich wünsche Ihnen viel Freude mit diesem alten Kräutersegen. Lassen Sie sich ein bisschen verzaubern!
Vielleicht geben Sie einigen der alten Heilkräuter ja sogar einen Platz in Ihrem Garten.
NEUNKRÄUTERSEGEN
Erinnere dich, Beifuss, was du verkündet hast,
was du bekräftigt hast bei der großen Verkündung (vor Gott)
“UNA” (dem Urgott angehörig) heisst du, ältestes Kraut. (Überl. als Urmutter d. Kräuter)
Du hast Macht gegen 3 und gegen 30,
du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung (fliegendes Gift),
du hast Macht gegen das Leiden, das gegen das ganze Land fährt.
Und du, Wegerich, der Kräuter Mutter,
nach Osten geöffnet, im Inneren mächtig;
über dir knarrten Wagen, über dir ritten Weiber,
über dir wurden Bräute heimgeführt, über dir schnaubten Stiere.
Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung
und dem Leiden, das gegen das ganze Land fährt.
Stune (Schaumkraut/Lammkresse) heißt dieses Kraut, es wuchs auf dem Stein;
es steht gegen Gift, es widersetzt sich dem Schmerz.
“Stark” heißt es, es widersetzt sich dem Gift,
es verjagt den Feind, wirft das Gift hinaus.
Dies ist das Kraut, das gegen die Schlange focht,
dies hat Macht gegen Gift, es hat Macht gegen Ansteckung,
es hat Macht gegen das Leiden, das gegen das ganze Land fährt.
Vertreibe du nun, Attorlade (Heilziest),
(du) das kleinere (Kraut) das größere (Gift),
(du) das größere (Kraut) das kleinere (Gift),
bis er von beiden genest.
Erinnere dich, Kamille, was du verkündet hast,
was du entgegnet hast bei Alorford (der Erschaffung);
daß niemals (jemand) durch Ansteckung das Leben verliere,
nachdem man ihm Kamille zur Speise bereitet hat.
Dies ist das Kraut, das Wergulu (Nessel) heißt;
das entsandte der Seehund über dem Rücken der See
zur Hilfe gegen die Bosheit von einem anderen Gift.
Es steht gegen Schmerz, widersetzt sich dem Gift,
es hat Macht gegen 3 und gegen 30,
gegen die Hand des Feindes und gegen unheilvolle mAchenschaften,
und gegen Behexung gemeiner wesen.
Dort sprach der Apfel gegen das Gift,
...
Kerbel und Fenchel, zwei sehr mächtige,

...
Diese Kräuter schuf der weise Herr,
der heilige im Himmel, als er hing;(Christus am Kreuz o. Wodan am Weltbaum)
setzte und sandte (sie) in 7 Welten
den Armen und reichen, allen zur Hilfe.
SPRUCH
Diese neun Kräuter haben Macht gegen neun Gifte.
Eine Schlange kam geschlichen, zerriß einen Menschen;
da nahm Wodan 9 Ruhmeszweige, (evtl. Runenstäbe als zusätzliche Abwehr)
erschlug da die Natter, daß sie in 9 (Stücke) zerbasrt.
Daß Sie niemals mehr ins Haus kriechen wollte.
Nun haben diese 9 Kräuter Macht gegen 9 böse Geister,
gegen 9 Gifte und gegen 9 ansteckende Krankheiten,
gegen das rote Gift, gegen das stinkende Gift,
gegen das weiße Gift, gegen das purpurne Gift,
gegen das gelbe Gift, gegen das grüne Gift,
gegen das bleiche Gift, gegen das blaue Gift,
gegen das braune Gift, gegen das karminrote Gift,
gegen Schlangenblattern, gegen Wasserblattern,
gegen Dornblattern, gegen Distelblattern,
gegen Eisblattern, gegen Giftblattern,
wenn irgendein Gift kommt von Osten geflogen, (Ansteckung)
oder irgendeins von Norden ... Kommt,
oder irgendeins von Westen über die Menschheit.
Christus stand über Krankheit jeder Art. (Wahrscheinlich erst später dazugeschrieben)
Ich allein weiß ein rinnendes Wasser
wo da neun Nattern nahe bewachen;
mögen alle Kräuter nun von ihren Wurzeln aufspringen,
die Seen sich öffnen, all das Salzwasser,
wenn ich dieses Gift von dir blase.
ERLÄUTERUNGEN
Aus der Zeit des 9. Bis 11. Jahrhunderts ist aus England und Deutschland eine Vielzahl kürzerer Texte
überliefert, die aufgrund ihres naturmagischen Inhalts und der auffordernden und beschwörenden Form
unter dem Begriff “Zauberspruch” zusammengefaßt werden.
Die Vielzahl weltlicher und geistlicher Gesetzestexte, die den Gebrauch von Zaubersprüchen streng ver-
bieten oder wenigstens stark reglementieren, beweisen den alltäglichen und geläufigen Umgang damit.
Laut eines angelsächsischen Busskatalogs durften Kräuter nur in Verbindung mit einem Vater Unser an-
gewendet werden. Die Kirche lag in deutlichem Konflikt zwischen heidnisch überlieferter Tradition, die
sie streng verfolgte, und dem bewährten Wissen um die Heilkunst, das mit der Verfolgung des alten
Glaubens von der Bildfläche verschwand und in großen Teilen verloren ging.
In einer Predigt des 8. Jahrhunderts aus dem Kloster Einsiedeln heißt es: “Nicht Christ, sondern Heide
ist, wer Lieder und Zaubersprüche spricht, wer Tiere oder Menschen beschwört und wer behauptet,
dass dieses etwas nütze oder schade.”Anschließend folgt eine Aufzählung von Krankheiten, die mittels
solcher Sprüche geheilt werden sollen.
Selten gab es ausserhalb der Klöster Schriftkundige, die es für Wert hielten, die traditionell mündlich über-
lieferten und im Volk verhafteten Sprüche aufzuschreiben. So sind die schriftlichen Zeugnisse der alten
Sprüche und Heilmethoden, durch die kirchlichen Aufzeichnungen, in denen teils christliche Elemente
hinzugefügt oder besonders brisante Textstellen ausgelassen wurden, häufig stark verändert. Durch den
natürlichen Informationsschwund der bei Abschriften von Abschriften und mangelndem Textverständnis
entsteht, sind die Sprüche häufig verzerrt und nur noch rudimentär erhalten.
Der Zauberspruch als solcher hatte aber nicht allein durch die Worte Kraft. Erst die Verbindung von
Wort, Handlung und Naturessenz erzielte die beabsichtigte Wirkung. Was in der Predigt als Zauber-
spruch angesprochen wurde, ist also ein komplexes Ineinanderwirken von heidnischem Ritual und ge-
zielter Anwendung natürlicher Kräfte.
Einer der verhältnismässig gut erhaltenen Sprüche ist der NEUNKRÄUTERSEGEN.
Der Neunkräutersegen ist ein sehr komplexer Kräuterzauber, der von umfangreichem Heilwissen zeugt
das mit einem mythologischen Hintergrund verwoben ist. Auch hier sind wahrscheinlich im Laufe der
Zeit Zeilen vertauscht und Inhalte ausgelassen worden. Die Version, die ich hier vorstelle, basiert auf der
Übersetzung von Dr. G. Schiltz ( www.galdorcraeft.de ), einer nicht namentlich bezeichneten Übersetzung,
die ich ebenso im Internet fand, sowie meinen Recherchen im ethymologischen Wörterbuch (Kluge 1999).
Was die Bezeichnung und Identifikation der beschriebenen Pflanzen betrifft, sind Irrtümer nicht ganz aus-
zuschließen. Kerbel und Fenchel sind zwar eindeutig, waren in England aber nicht heimisch. Beifuss und
Wegerich lassen sich zwar namentlich erschliessen, die Antike bezeichnet aber Beifuss als die Mutter der
Kräuter und nicht Wegerich. Weitere Schwierigkeiten bietet die in alter Zeit teils undifferenzierte Unter-
scheidung der Pflanzen. es ist bekannt, daß ähnlich aussehende und wirkende Pflanzen, den gleichen Na-
men hatten. So wurde nicht zwischen Beifuss und Wermut unterschieden und nicht zwischen Wiesen-
schaumkraut, bitterem Schaumkraut und Brunnenkresse.
Auch die Mythologie ist nicht ganz eindeutig. Als hängenden Gott vermute ich eher Wotan, der neun Ta-
ge am Weltenbaum hing. Kann es nicht sein, daß die Kirche es ganz nützlich fand, durch Christus, der am
Kreuz hing, ein Motiv gefunden zu haben, das es erlaubte den NEUNKRÄUTERSEGEN, mit kirch-
lichem Segen anzuwenden? Auch der Hinweis auf Christus im Spruch erscheint mir später hinzugefügt.
Das allgemeine mittelalterliche Verständnis von Krankheiten, Gebrechen sowie deren Entstehung und
Übertragung, begründet sich auf zweierlei Giftarten. Einerseits gab es das Gift, das durch imaginäre
Schlangen oder sonstiges “Gewürm” Mensch und Vieh heimsuchte. Andererseits gab es das Gift, das
durch die Luft übertragen wird (fliegendes Gift/Ansteckung). War das Leiden mit einer dieser Giftformen
erklärbar, gab es meist einen Spruch und ein passendes Mittel dagegen.
Im NEUNKRÄUTERSEGEN scheint es keine spezielle Zuordnung zu geben. Die Kombination von
Beschwörung, Spruch und Rezept, ist daher wohl als ein Mittel gegen unspezifische Leiden anzusehen.
Viele der beschriebenen Kräuter werden noch heute in der Frühjahrskur zur Entschlackung und zur all-
gemeinen Stärkung des Immunsystems angewandt. Der NEUNKRÄUTERSEGEN ist also durchaus
ein moderner Kräuterzauber mit zeitlosem Nutzen für die Gesundheit.


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